Langsam, aber sicher setzt sich auch in akademischen Kreisen die Einsicht durch, dass die gute alte Alma Mater ihre Abgänger künftig besser für ein Leben nach der Uni präparieren muss. Erst kürzlich forderte der renomierte Wissenschaftsrat unmissverständlich einschneidende Reformen: „Die Universitäten müssen besser auf das Erwerbsleben vorbereiten.“ (Focus 3/1999). Ausreden will das hochrangige Beratergremium gar nicht erst gelten lassen. „Der Verweis auf die kritische Reflexion und akademische Distanz zur Praxis“, heißt es in einem Memorandum vorsorglich, „darf von den Universitäten nicht zum Anlass genommen werden, sich von der Verantwortung für ihre Studierenden und Absolventen und deren berufliche Zukunft zu distanzieren.“
Einige haben die Botschaft verstanden - etwa an der Universität Hannover. Dort wünschten sich drei Institute aus den Fachbereichen Maschinenbau und Wirtschaftwissenschaften teamfähige Studenten und entwickelten das gemeinsame Studienangebot „Kooperative Produktentwicklung“.
Künftige Absolventen, so das Ziel, sollen endlich die Marktreife mitbringen, die viele Arbeitgeber bisher vermissten. Die Aufgabe der Studenten ist es, ein Produkt in drei Monaten vom Entwurf am Reißbrett bis hin zum fertigen Angebot durchzuplanen. Wenn es dann gilt, unter Termindruck zum Beispiel einen Stoßdämpfer für einen neuen Fahrzeugtyp zu wettbewerbsfähigen Stückkosten zu konzipieren, bekommen die Studenten schon mal einen Vorgeschmack, was sie später im Job erwartet.
„Kooperatives Produktengineering umfaßt in der Praxis eben alle Aspekte eines Produktzyclus“ begründet Projektingenieur Gerald Masan das kreative Spiel, das die Uni in Zusammenarbeit mit Mannesmann Sachs künftig als feste Einrichtung installieren will. Der Vorteil des Projekts für die Studenten liegt auf der Hand: Die Ökonomen müssen sich auch einmal in komplizierte Konstruktionsentwürfe ihrer Technikerkollegen eindenken, und die Ingenieure kommen nicht darum herum, die unerwartet hohen Produktionskosten zu senken.
Wenn es nach den Wünschen der Arbeitgeber geht, sollten sich die Studierenden parallel zum Studium gleich ein ganzes Bündel von Eigenschaften aneignen. Laut FOCUS-Umfrage gehören gute Englischkenntnisse, Durchblick bei Computern und ökonomisches Grundlagenwissen zum unverzichtbaren Know-how für den Berufseinstieg. Außerdem eine Reihe von so genannten Soft Skills wie Teamfähigkeit, Integrationskraft und Motivationsvermögen. Oft genug sind sie die entscheidende Voraussetzung für einen gelungenen Start ins Berufsleben. Aber auch „Rückgrat und Risikobereitschaft“ sollen Studenten unbedingt außerhalb der Uni schon mal trainieren:
„Wenn junge Leute bei uns einsteigen, müssen wir uns darauf verlassen, dass sie schnell bereit sind, Verantwortung für ihre Aufgaben zu übernehmen“, begründet Wolfgang Schulz, Personalchef beim privaten Telefonanbieter TelDaFax, seine Kriterien. „Außerdem müssen sie in einer schnell wachsenden Branche oft Entscheidungen treffen, die sie nicht immer hundertprozentig absichern können. Das lernen sie aber an keiner Universität.“
Auszug mit freundlicher Genehmigung der Focus Magazin GmbH